An Traditionen festhalten

Während wir mit unserem Hund Midge auf dem Rücksitz und dem Boot im Schlepptau so die Straße entlang cruisen, verschwindet der Fluss, auf dem wir die letzte Woche verbracht haben, allmählich in meinem Seitenspiegel und mir wird klar: Ich hab‘s geschafft.
24 Flusskilometer und neun Monate später – sowie fünfzehn Jahre davor, vielleicht sogar mein ganzes Leben lang – wusste ich, dass ich es schaffen kann, auch wenn ich es mir nicht zugetraut hätte. Ich zweifelte sogar unterwegs noch daran, dass ich unser voll beladenes Boot durch die anspruchsvollen Stromschnellen navigieren konnte – zuerst zu unserem Lieblingscamp und dann flussabwärts zur Ausstiegsstelle.
Clell und ich haben unser Leben, dieses Boot, den Deschutes River und Wasserstraßen auf der ganzen Welt neunzehn Jahre lang geteilt. Zuerst kam unser Husky-Mischling Sierra zu uns. In den letzten elf Jahren war Midge unser Boots-, Angel- und Flussbegleiter, und jetzt lernt unser einjähriger Welpe River, den Lebensstil anzunehmen, der uns bei der Namensgebung inspiriert hat.
Clell rudert und fischt seit mehr als fünfzig Jahren auf dem Deschutes River, der vom Little Lava Lake in den Central Cascade Mountains nach Norden zum Columbia River fließt. Seine jahrelange Erfahrung reflektiert ein Wissen, das so umfangreich ist wie das endlos fließende Gewässer des Flusses. Doch unser Altersunterschied von fünfundzwanzig Jahren hat dazu geführt, dass er sich beim Rudern flussabwärts immer mehr auf mich verlassen hat. Wir wussten beide, dass es für mich an der Zeit war, das Steuerrad zu übernehmen.

Clell rudert und fischt seit seinem fünfzehnten Lebensjahr auf den Flüssen von Oregon und Washington. Zudem arbeitet er immer mal wieder als Guide und organisiert seit 35 Jahren Treffen im Freundeskreis, um gemeinsam Regenbogenforellen zu angeln und Freundschaften zu pflegen. Er lernte Dove kennen, als sie noch bei L.L. Bean in Bend, Oregon, arbeitete. Ihre gemeinsame Liebe zum Angeln verband sie, zunächst in Form einer Freundschaft und später in Form einer lebenslangen Partnerschaft.

Midge und River folgen Dove und Clell auf Schritt und Tritt – auf dem Boot, im Camp und auch sonst überall. Im Camp steht Dove noch vor Tagesanbruch auf, um zum Angeln rauszufahren, während Midge mit Clell im Bett bleibt. So kann Dove die Ruhe und Stille auf dem Wasser ganz für sich genießen. Durch ihre unzähligen Tage auf dem Fluss hat Midge gelernt, sich inmitten des üblichen Trubels der Camp-Aktivitäten wie Aufbauen, Kochen und Musizieren ganz gemütlich zu entspannen. Dove hofft, dass Midge diese Eigenschaft an River weitergibt.

River, ihr eigener Hund, hat bereits ihre Liebe zum Schwimmen und ihre Begeisterung für den Lunker gezeigt, die sie zweifellos von Midge übernommen hat. Im Laufe der Jahre hat Midge gelernt, dass es an den Fluss geht, wenn das Auto gepackt und das Boot befestigt ist. Mit der Zeit wird auch River lernen, dies zu erkennen. Bis dahin beobachten Dove und Clell mit Freude, wie jeder Hund das Leben am Fluss auf seine eigene Art und Weise und gemeinsam als Familie erlebt.

Auch Midge gibt gewisse Dinge an River weiter. Ihre Persönlichkeiten sind zwar unterschiedlich und ihre Beziehung verändert sich, während River vom Welpen zum jungen Hund heranwächst, aber Clell und ich dürfen miterleben, wie Midge River beibringt, was es bedeutet, ein Wasserhund zu sein. Dazu gehört auch, Tage oder manchmal Wochen am Stück auf einem Boot zu verbringen, zu fischen, zu zelten und mit dem Strom des Wassers zu leben.
Ein ganzes Leben auf dem Wasser hat mich gelehrt, dass wir nicht wissen können, was hinter der nächsten Biegung kommt, egal, wie gut wir uns auskennen oder ob wir den Flussführer in der Hand haben. Wir können zwar Hindernisse oder Strudel vorhersehen, aber nichts ist sicher.
Es ist ganz leicht, Glaubenssätze zu entwickeln – über die Vergangenheit, die Zukunft, über uns selbst. Diese Glaubenssätze können einen starken Einfluss auf uns haben und wir neigen dazu, an ihnen festzuhalten, selbst wenn Erfahrungen oder Fakten etwas anderes zeigen. Diese Momente bieten jedoch die Chance, zu wachsen, indem du alte Überzeugungen loslässt und Platz für neue Geschichten schaffst, die das Leben schreibt.
Ich habe gelernt, dass wir angesichts der Ungewissheit nur auf das schauen können, was direkt vor uns liegt, und dabei unsere Erfahrung, Intuition und die Unterstützung unserer Lieben nutzen sollten, um im Fluss des Lebens so gut wie möglich zu navigieren. Wir zeigen uns von unserer besten Seite und konzentrieren uns dabei stets auf den nächsten Schritt bzw. Ruderschlag.

Dove ist schon seit 17 Jahren bei Ruffwear und war in den letzten 13 Jahren Verkaufsleiterin. In ihrer Kindheit verbrachte sie viel Zeit damit, draußen zu spielen. Sie erkundete den Wald in der Nähe ihrer Heimat in Oregon, schwamm im North Umpqua River, kletterte auf Bäume und fuhr mit ihrem Bruder Fahrradrennen auf den Wegen, die zum Fluss führen. Diese Erfahrungen lehrten sie, selbstständig zu sein und mutig ihre Neugierde auszuleben. In gewisser Weise hat sich der Kreis dieser Kindheitserfahrungen in ihrem Erwachsenenleben geschlossen.

Im Laufe der Jahre hat Dove diese Erfahrungen in ihre Rolle bei Ruffwear integriert. Schon zu Beginn ihrer Karriere glaubte sie, dass sie dann am besten ist, wenn sie so hart wie möglich arbeitet. So war es dann auch bei ihr, mit langen Arbeitstagen und vielen Überstunden. Jetzt hat sie verstanden, dass ihre Bereitschaft, verletzlich zu sein, und den Mut zu haben, ihr wahres Ich zu zeigen, ein Geschenk ist. Sie bemüht sich, anderen in der Firma zur Verfügung zu stehen, die Unterstützung, einen Gesprächspartner oder ein offenes Ohr suchen. 

Sie hat ein tieferes Bewusstsein dafür entwickelt, was es bedeutet, in einer Führungsposition zu arbeiten, die traditionell von Männern dominiert wird. In der Vergangenheit hatte sie ihre Karriere und ihre Führungsrolle nicht unbedingt im Zusammenhang mit ihrer Identität gesehen. Jetzt versteht sie, wie das Frausein die Perspektive und die Erfahrungen, die sie in die Arbeit einbringt, prägt, welchen einzigartigen Einfluss sie ausüben kann und wie sie ihre Erfahrungen und Privilegien nutzen kann, um etwas von ihrer Persönlichkeit weiterzugeben, indem sie andere ermutigt und ihnen Raum gibt, Führungsrollen zu übernehmen.

Obwohl ich jahrelang, monatelang und 24 Flusskilometer später nicht geglaubt hatte, dass ich es schaffen könnte, unser schwer beladenes Boot mit dem, was mir im Leben am liebsten ist, sicher flussabwärts zu steuern, waren es vielleicht die Intensität meiner Erfahrungen, meine Intuition und die liebevollen Menschen und Hunde um mich herum, die mir das Gegenteil bewiesen.
Auf dem Heimweg, nachdem das Boot auf den Anhänger geladen, die Ausrüstung und Midge ins Auto gepackt waren und wir die Straße in Richtung Heimat entlang fuhren, wurde mir klar, dass Clells Flussvermächtnis gerade an mich weitergegeben wurde. Und in diesem Moment wusste ich, dass ich dieses Erbe antreten kann.